11. Mär 2019 Katrin Neumann, Max Weber Stiftung, Bonn Anwendungen

Operation am offenen Herzen: Die Publikationsplattform perspectivia.net

Man sieht es dem Patienten noch an, fast ein halbes Jahr nach dem erfolgreichen Eingriff ist die Rehabilitation noch nicht abgeschlossen, wir bitten noch um etwas Geduld. Die digitale Publikationsplattform perspectivia.net hat sich zum zehnjährigen Jubiläum einer Herz-Operation unterzogen. Als zentrales Organ der Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (MWS) startete die Plattform im Jahr 2008, zunächst als zweijähriges Projekt, mit dem Ziel möglichst viele Veröffentlichungen der Auslandsinstitute der MWS kostenfrei und ohne Zugriffsbeschränkung einem weltweiten Publikum zugänglich zu machen. Die Innovation und Experimentierfreudigkeit zeigte sich in den digitalen Erstveröffentlichungen - eine in den Geisteswissenschaften noch heute unübliche Praxis. So finden sich in den Publikationsreihen auf perspectivia.net sowohl bereits im Druck erschienene Texte (Retrodigitalisate) als auch genuine Online-Publikationen. Es sind alle wissenschaftlichen Textsorten vertreten, von Zeitschriften, Monographien und Sammelbänden über Werkstatt- und Tagungsberichten bis hin zu Rezensionen und Einzelvorträgen, letztere vermehrt als Audio- oder Videodatei verfügbar. Ein Spezifikum der Plattform sind die rund zehn verschiedenen Sprachen der Veröffentlichungen. Dies erklärt sich aus dem Aufbau der MWS, die zehn Forschungsinstitute sowie mehrere Außenstellen bzw. temporäre Forschungsgruppen in insgesamt 13 Ländern und eine gemeinsame Geschäftsstelle in Bonn unterhält.

Screenshot: perspectivia.net - Publikationsserver und gleichzeitig auch Portal

In Bonn sitzt auch das Team von perspectivia.net, das sich als digitale Redaktion um den redaktionellen Alltag kümmert, aber auch die konzeptionelle Fortentwicklung vorantreibt. Sie hat auch in den vergangenen drei Jahren die umfangreiche Erneuerung von perspectivia.net geplant und vorbereitet. Es begann alles mit einem immer häufiger auftretenden Kammerflimmern. Die Ursache lag in dem eingesetzten Content-Management-System, welches mit den mittlerweile über 32.000 Objekten (vornehmlich PDFs) überfordert war. Gleichzeitig hatten seit dem Onlinegang im Jahr 2008 die Anforderungen und Erweiterungswünsche an die Publikationsplattform permanent zugenommen. Selbst nach dem zweijährigen Projektende wurde eigentlich nie ein Zustand erreicht, in dem die Plattform als fertig oder abgeschlossen beschrieben werden konnte. Das gesuchte Spenderorgan sollte daher nicht nur eine lebensverlängernde Maßnahme darstellen, sondern auch die zahlreichen altersbedingten Schwächen beseitigen. Dabei erwiesen sich die Erfahrungen und Beobachtungen über Schwächen und Stärken der eigenen technischen Basis als unbezahlbares Gut für die Konzeptionsphase. Die wichtigste Erkenntnis war jedoch, dass es nicht in erster Linie darum geht, ein technisches System zu wählen, das die Bedürfnisse von heute zu erfüllen vermag, vielmehr muss man sich Partner suchen, die mit ähnlichen Vorstellungen die gleichen Ziele verfolgen. Die Suche lief erfolgreich: Bereits vor knapp drei Jahren begannen die fruchtbaren Gespräche zwischen der MWS und der Verbundzentrale des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes (VZG), die heute neben der BSB München und der UB Heidelberg zu den wichtigsten Infrastrukturpartnern von perspectivia.net gehört.

Im Herbst 2018 folgte nach einjähriger Vorbereitungszeit dann der umfassende Eingriff: Das neue Herzstück ist ein MyCoRe, das Software-Framework des von der VZG bereitgestellten Repository-Dienstes Reposis. Die bibliografische Metadatenerfassung, obwohl von Beginn an ein zentraler Prozess bei perspectivia.net, wird nun erst mit MyCoRe in einem standardisierten Datenmodell umgesetzt. Die Liste der abgehakten Punkte auf der Wunschliste ist zu lang um sie aufzuführen, aber standardisierte Schnittstellen, schnelle Indexierung und die Integration von Normdaten stehen ganz oben. Neben den inneren Werten spielen bei einer Plattform für digitale Erstveröffentlichungen jedoch auch die Möglichkeiten für Gestaltung und Design eine wichtige Rolle. Ausschlaggebend war hier die Anpassbarkeit und Integration von Funktionen, die über die gewöhnlichen Anforderungen an ein Repositorium hinausgehen. Zudem schätzen wir an der Kooperation mit der VZG und der großen MyCoRe-Community die Möglichkeit, dass sich digitale Publikationsdienste gemeinschaftlich weiterentwickeln lassen.

Die größte Herausforderung war die Operation am offenen Herzen, denn der Eingriff sollte für den Nutzer weitestgehend unbemerkt ablaufen, und jederzeit sollte der Zugang zu allen bisherigen Publikationen gewahrt bleiben. Dies verursachte viel Stress im Operationssaal, denn durch die unstrukturierte Ablage im ehemaligen CMS, lassen sich die Inhalte nur halbautomatisiert in die neue Umgebung migrieren. Es scheint als würde man mit einer gesamten Bibliothek, alle Bücher in Kisten verpackt, umziehen und muss diese nun einzeln, nach neuer Systematik in die neuen Regale räumen. Man hat also jedes Objekt einmal in der Hand. Ohne den Fleiß der Redaktion perspectivia.net und die Kompetenz der VZG bei der Migration großer Bestände wäre der Patient vielleicht in einem weniger guten Zustand. Das Ende der Reha-Maßnahmen rückt jedoch täglich näher und damit auch der Blick nach vorne, denn noch ist der neue Körper nicht vollständig. Auf der Wunschliste für weitere Implantate stehen Präsentationsformen für die genuin digitalen Publikationsformate XML und HTML sowie die Abfrage der Metadaten aus den anderen Systemen von perspectivia.net wie den OJS-Instanzen für die Zeitschriften. Diese Eingriffe erfolgen dann jedoch ambulant.

Screenshot: Zeitschrift Recensio Moskau mit integrierter Reihennavigation rechts

[erschienen in VZG Aktuell 2019 Ausgabe 1]